Artikel-Schlagworte: „Schlepper“
Er ist gekommen, der Tag X, le jour J, der Zeitpunkt, vor dem wir uns schon so lange gefürchtet haben.
Wir haben stets versucht uns zu schützen, unser Bestes gegeben, keine Kosten & Mühen gescheut und stets alles und jeden hinterfragt. Doch so schleichend wie eine Hepatitis und mit so grässlichen Auswirkungen wie ein Herpes Zoster, hat es nun auch uns getroffen.
Um genau zu sein mich – Flo. Doch was ist passiert?!
Der Tag heute (Donnertag der 11.02.2010) begann recht unspektakulär. Es war der letzte in Shimla, wir standen – zugegebener Maßen leicht verkatert – aus unseren Luxuskojen auf, um den Jeep, den uns Nitin netter Weise geschickt hat, auch bloß rechtzeitig zu erreichen. Schnell Klamotten gepackt, dann noch hurtig aufs Töpfchen und ab unter die Dusche – wer weiß denn schon schließlich, wann man solch einen Luxus wieder erleben darf…
Shimla zeigte sich auf unseren letzten Metern übrigens von seiner besten Seite; angenehme Höhenwärme, klarer Himmel, reinste Luft und spektakuläre Ausblicke über die unteren Ausläufer des Himalajas. Traumhaft! Mit einer Mischung aus Vorfreude auf die neuen Abenteuer und Wehmut, da wir das schöne Shimla und unsere neuen Freunde bereits wieder verlassen mussten, verließen wir in einem „Deluxe Volvo A/C Coach“ das ruhige Bergörtchen (mit immerhin fast 150.000 Einwohnern) in Richtung Chandigarh.
Bereits nach ca. 4,5 Stunden dort angekommen, mussten wir nur noch ca. 30 Minuten auf unseren „public bus“ Richtung Haridwar warten.
Ein paar Worte zu den Bussen. Die Volvos sind für uns mittel- bis großgewachsenen Europäer ideal. Sie besitzen ausreichend Beinfreiheit und die Möglichkeit, die Sitzlehnen nach hinten zu legen. Man kann darin tatsächlich überraschend gut schlafen. Die Sitze der offiziellen Busse hingegen sind deutlich schmaler, besitzen auffällig wenig Beinfreiheit und die Flexibilität kommt der – hier von Christian schon recht häufig erwähnten – indischen Bürokratie sehr nahe. Auch mit dem Gepäck muss anders umgegangen werden.
Während die Gepäckstücke im Volvo noch relativ sicher unterhalb der Fahrgastkabine in einen speziellen Kofferraum verladen werden, müssen sie in den offiziellen Bussen auf das Dach. Man bringt sie selber hoch und sorgt dafür, dass sie gut gesichert sind. Nun gut, die Fahrt mit dem tollen Volvo Coach von Shimla nach Chandigarh war nun rum. Zu dem Zeitpunkt wussten wir auch leider noch überhaupt gar nicht, wie wir denn überhaupt von Chandigarh nach Haridwar weiter reisen sollten. Doch zum Glück haben wir direkt an dem riesigen Busbahnhof in Chandigarh einen netten, jungen und sehr modern gekleideten Inder kennen gelernt, der uns auch gleich auf die richtige Abfahrtsplattform des offiziellen Busses nach Haridwar verweisen konnte.
Na wunderbar, das lief ja wie am Schnürchen. Dann noch schnell auf das Töpfchen (denn so eine 8-stündige Fahrt in einer Konservenkiste kann unangenehm werden, gerade wenn man mal dringend Seichen muss) und die Rucksäcke auf das Dach packen. Wow, was für ein Gefühl. Die Koffer selber auf dem hohen Busdach verschnürt. Mensch, Mensch, Mensch, was sind wir doch für tollkühne Abenteuerreisende (*Ironie aus*). Einsteigen, fertig, los. Unser neuer Freund, der auch mit nach Haridwar fuhr, hatte uns jedem noch schnell ein Fläschchen „Butterscotch“ besorgt. Wer wissen will, was das ist, fühle sich frei den Begriff bei Wikipedia (o.Ä.) nachzuschlagen und uns dann Bescheid zu geben.
Da wir ja so sicherheitsfanatische Menschen sind, haben Christian und ich uns natürlich so abgesprochen, dass nur einer den Drink nimmt. Man weiß ja nie was passiert und wer da was in was auch immer für ein Getränk schüttet. Ich also hab den Butterscotch genüsslich geleert und Christians’ während der Fahrt heimlich nach und nach aus dem Fenster gekippt. Hach, was sind wir pfiffig. Uns kann keiner was! So sind wir dann in unserem total, mega-, super-, sauungemütlichen Bus von Chandigarh in Richtung Haridwar gestartet.
Der interessierte Leser fragt sich nun mit Sicherheit, warum ich diese Ungemütlichkeit so stark hervorhebe. Ich hebe sie hervor, weil sie den Tatsachen entspricht und verdeutlichen soll, dass kein normaler Mensch darin auch nur ein Auge hätte schließen können. Es dauerte circa fünf Minuten, da schlief ich tief uns fest. Wie ein Baby. Nur zwischendurch wachte ich auf, weil mich echt komische Träume nervten. Darüber reden konnte ich leider nicht, mein Mund – ja, mein ganzer Körper – war wie paralysiert. Das nächste, an das ich mich erinnern kann ist, dass mich Christian mir großen Augen anschaut und mich fragt ob mir denn irgendetwas fehle. Der nette, junge, modern gekleidete Inder sei nach der Pause plötzlich so hektisch verschwunden. Ich schaue in meinen Rucksack und bemerke; Oh, die Kamera ist weg.
Mich noch etwas darüber wundernd, dass mich das so gar nicht juckt, schlafe ich Sekunden später schon wieder ein. Dann stehe ich plötzlich – keine Ahnung wann mich wer geweckt und dorthin gebracht hat – zwischen Christian, dem Busfahrer und ein paar anderen Fahrgästen. Die Situation kommt mir surreal vor, als schwebte ich über dem Geschehen. Alles was ich zu dem Zeitpunkt gedanklich auf die Reihe kriege ist: Ich will schlafen, lasst’ mich bloß zurück in den Bus, was soll die ganze Aufregung, ist mir doch scheißegal. Dabei geht es in dem Trubel wohl um meine Kamera. Hmpf, sollte ich mir doch Gedanken machen? Später!
Wieder zurück im Bus werde ich erst kurz vor Haridwar etwas klarer. Obwohl in dem Bus die Post abgeht, jeder jeden rumschubst, wegdrückt und – im wahrsten Sinne des Wortes – besetzt, habe ich bis kurz vor der Ankunft die Fahrt nur in meinem Delirium erlebt. Wohl auch der einzige Vorteil, den diese 9-stündige Busfahrt mit sich brachte.
Erst jetzt, um 01:30pm in Haridwar, wird mir das Ausmaß der Misere so richtig bewusst. Ich habe nicht nur meine teure Kamera sondern auch noch mein megateures, heißgeliebtes Lieblingsobjektiv und eine (zum Glück) fast leere Speicherkarte verloren. Außerdem die Möglichkeit, auch die noch kommenden so unglaublichen, fantastischen und mit Worten kaum zu beschreibenden tagtäglichen Eindrücke und Erlebnisse dieser einmaligen Indienreise in Bildern festzuhalten.
Ich bin traurig! Gut, dass mir Nitin noch etwas Bhang für Haridwar geschenkt hat….
Grüße aus Haridwar / Indien,
Der Bestohlene
Der Händler (Homo mercatur fallaciloquus)
Gibt es an einem Ort Touristen, dann gibt es auch ihn. Den Straßenhändler.
Mal verkauft er Schuhe, mal reinigt er sie. Mal macht er sie auch schmutzig und bietet dann die passende Reinigung.
Ein andermal vermietet er Boote, bietet Massagen an oder fragt ganz geheimnisvoll: „Hey, you want S-O-M-E-T-H-I-N-G?“
So oder so, ist es nicht der eine, der einem den Tag vermiest, sondern die Masse. Wir haben unzählige Methoden ausprobiert um sie uns vom Hals zu halten. Unter anderem probierten wir:
- „No thank you“ sagen: Funktioniert nur, wenn man es danach mit 2. kombiniert.
- einfach komplett ignorieren: Funktioniert, aber es kann dauern bis er aufgibt.
- auf hindi drohen / fluchen: Man erntet eigentlich nur Gelächter. Keine Wirkung
- auf Englisch drohen / fluchen: Sie versuchen das Ganze auszudiskutieren.
- in einer Fantasiesprache drohen / fluchen: Klappt sehr gut.
- Interesse heucheln und für einen späteren Zeitpunkt verabreden: Klappt auch, man muss aber eben eine kurze Unterhaltung mit ekligen Typen in Kauf nehmen. Nicht selten wollen sie die Verabredung noch mit Handschlag besiegeln…
Man kann also sagen, dass die Fantasiesprache, sowie 1. und 2. kombiniert, den besten Erfolg liefern. Ein 100%iger Schutz existiert allerdings nicht. Mir wurde auch im 4. Stock, auf meinem Zimmerbalkon, noch ein Boot angeboten.
Handeln bringt übrigens auch nichts. Man wird nie den Preis erreichen, den Inder zahlen müssten. Ganz egal, was manche „Hardcoretraveler“ von sich erzählen.


