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Blick auf den Ganges

Mit der Motorikscha, oder Tuktuk, wie man in Thailand sagt, ging es nach Rishikesh. Wir hatten so viele Empfehlungen gehört, dass wir unbedingt mal selbst vorbeischauen wollten.

Der erste Eindruck war ernüchternd. Eine dreckige, verkehrsverseuchte Stadt, wie es tausende in Indien gibt. Überall Gehupe, kaum Luft zu Atmen und Gestank. Am Gangesufer ließ uns der Fahrer aussteigen und wir überquerten den heiligsten aller Flüsse über eine schmale Fußgängerbrücke. Nun ja. Der Definition nach eine Fußgängerbrücke. In der Realität wird sie aber auch gern von Mofas und Motorräder genutzt, die einen jedes mal ans Geländer drücken um sich vorbeizuquetschen.

Endlich mal ein bisschen Platz

Als wir am anderen Gangesufer ankamen tat sich vor uns eine völlig andere Welt auf. Lärm und Gestank gab es auch hier, aber keine Autos. Doch da war auch etwas anderes. Eine Art Ruhe, die man sofort spüren konnte. Ich will nicht sagen, dass eine spirituelle Aura über der Gegend lag. Das wäre zuviel des Guten. Außerdem gab auch hier die Kommerzialisierung ihr Bestes, um dieses Gefühl zu vertreiben. Überall wurden CDs mit meditativer Musik und Lehrbücher verschiedener Gurus verkauft. Den Lieblingsgott als Anhänger, die passende Hippiekleidung? Kein Problem! Und überall diese Bettler… Sicherlich, alles arme, geschundene Gestalten, aber ihre Aufdringlichkeit fiel mir besonders an diesem friedlichen Ort besonders negativ auf.

Flo liess nicht mit sich handeln

Viele berühmte Beatlessongs sind hier entstanden. Es gibt ein Foto, auf dem John Lennon am Gangesufer das Sitaspielen übt. Ungefähr dort haben wir gesessen und uns mit einer Blumenverkäuferin rumgeärgert.

In einem kleinen Geschäft hat Raphi einen Schal gekauft. Ein Mitbringsel für ihre Omi. Vielleicht soll sie noch einen zweiten bekommen, aber wir verraten nix!

Einmal haben wir uns aber, auf der Suche nach einer Toilette, in den Innenhof eines Ashrams verirrt.

Hier war die Stimmung wirklich atemberaubend. Schweigende Menschen, friedlich und freundlich schauend. Überall das Grün von Pflanzen und tänzelnde Sonnenstrahlen auf dem warmen Steinboden. Am Eingang bat ein Schild, nicht zu fotografieren.

Ich habe mich dran gehalten aber leicht ist es mir nicht gefallen.

Naga Baba, nichts als Asche am Leib

Unser Hotel in Haridwar war eine Bruchbude. Aus dem Klo floss mehr Wasser hinaus als man beim Spülen hineinschüttete. Da wir kein Fenster hatten, herrschte meist ein Klima wie im Regenwald. Nur eben ohne farbenprächtige Orchideen und exotische Tiere. Obwohl…exotische Insekten habe ich unter den Betten verschwinden sehen, als ich nachts kurz das Licht anschaltete.

Sofort nach dem Einchecken hatten wir versucht ein anderes Zimmer zu bekommen, aber zur Kumbh Mela war unser Hotel ausgebucht. Wir haben sogar versucht ein besseres Zimmer in einem anderen Hotel zu finden. Nachdem wir ca. 10 Hotels durchgearbeitet hatten, gefiel uns unser altes Zimmer aber dann irgendwie doch ganz gut. Man glaubt einfach nicht, was man alles noch als Zimmer anbieten kann.

Man muß auch bemerken, dass unsere Ansprüche eigentlich nicht sonderlich hoch sind. Den Traum von sauberen Laken und Insektenfreuen Zimmern haben wir schon lange aufgegeben und schlafen daher meist in unseren Schlafsäcken. Unserer kleinen hygienischen Schutzzone. Auch haben wir erkannt, dass wenn wir eine saubere Toilette wollen, ein gewisses Maß an Eigeninitiative und eine größere Menge an Desinfektionstüchern der einzige Weg zum Ziel sind.

Enge ist nur ein Wort...

Wir waren ja aber auch nicht zum Schlafen in Haridwar, sondern zur Kumbh. Fleißige Leser können mit dem Namen bereits etwas anfangen, Neulingen sei nur gesagt, dass es sich hier um das größte Fest der Welt handelt. Es findet nur alle 12 Jahre in Haridwar statt und zieht dann deutlich über zehn Millionen Menschen an. Die Loveparade ist da eher ein kleiner Umzug. Technofans werden allerdings in Haridwar nicht auf ihre Kosten kommen, denn hier dreht sich alles um Glauben. Vornehmlich den hinduistischen.

Die Saddhus, die heiligen Männer, pilgern dann zu tausenden nach Haridwar um zu den wichtigen Badeterminen ein Bad im heiligen Ganges zu nehmen. Im Gegensatz zu Varanasi ist ein Bad in Haridwar auch aus mikrobiologischer Sicht, zumindest noch möglich. An Haridwar selbst ist nicht besonders viel Aufregendes. Auf dem Berg gibt es einen Tempel in SED Architektur. Im Tal den Ganges. Drum herum wohnen einige Hunderttausend Menschen (grobe Schätzung).

Am Morgen des 12. Februars haben wir uns also früh zum Frühstück begeben, um ja nichts vom Tag zu verpassen. Dort haben wir auch Raphaela kennen gelernt, die uns dreisterweise einfach angesprochen hat. Und das, obwohl seit meiner letzten Rasur schon wieder einige Tage vergangen waren und wir sicherlich beide sehr sehr bedrohlich aussahen. Raphaela ist eine 22 Jährige Schweizerin aus der Nähe von Bern und sie wurde für die nächsten Beiden Tage unsere unerschrockene, geliebte und vor allem treue Begleiterin. Auch an dieser Stelle möchte ich nochmals meinen größten Respekt bekunden, dafür dass sie Indien ganz allein erkundet!

Mit ihm sang ich Hare Krishna

Zu dritt traten wir dann also auf die Straße und waren sogleich mitten im Getümmel. Eine Art Festzug mit den wichtigsten Gurus auf ihren Festwagen, zu Fuß, überall um sie herum, ihre treuen Anhänger. Angeführt wurde der Aufmarsch von den Nagababa. Asketen, die keine Kleidung tragen, sondern ihren Laib nur mit Asche bedecken. Unmengen an Polizei und Militär versuchten der Sache Herr zu bleiben und zogen Seile, die den Festzug von den Zuschauern abgrenzen sollte. In der Praxis klappte es allerdings nicht sonderlich gut. Nach dem Festzug zog es uns an den Ganges um den Saddhus beim baden zuzuschauen. Doch auch hier war überall Polizei, die auf recht drastische Weise den Pilgerverkehr regelte.

Ganze Straßen wurden gesperrt und wir konnten den Ganges nur durch das Gewirr kleinerer Gässchen, fernab der Straßen erreichen. Das bunte Treiben an den Ghats war dennoch sehenswert und auch das Gefühl für die Masse an Menschen ist unbeschreiblich. So standen wir im dichten Gewusel der Saddhus, der Pilger, der normalen Gläubigen und der Taschendiebe. Der Taschendiebe? Ja genau, ich stand so da wie immer. Heroisch, stark, einfach toll anzusehen. Völlig relaxt beobachtete ich das Treiben, alle drei Hände in den Hosentaschen.

Alle drei? Ja, ganz offensichtlich stimmte an der ganzen Situation irgendetwas nicht. Ich blickte am Arm der dritten Hand nach oben und lernte so den Besitzer meiner neuen Hosentaschenmitbewohnerin kennen. Ein junger Inder im Trainingsanzug der scheinbar einen halbwegs guten Charakter hat, sonst wäre er ein besserer Taschendieb. Als er seinen Fehler bemerkte verschwand er schnell im Gewusel und ward nicht mehr gesehen. Irgendwie konnte ich ihm nicht mal böse sein. Dank ihm waren allerdings unsere Sinne für das Verbrechen geschärft und so konnte ein zweiter plumper Versuch Flos Rucksack zu öffnen ebenfalls vereitelt werden. Wir schlichen anschließend noch eine Weile durch die Badenden, bis wir uns schließlich dazu entschlossen, den Tempel auf dem Berg zu besichtigen.

Gebadet wurde viel und grundlich

Vor allem trieb uns die Polizei aus der Stadt. Gegen die Taschendiebe unternahm sie offensichtlich wenig, aber der normale Bürger wurde extrem eingeschränkt. Nahezu alle Brücken über den Ganges waren abgesperrt und wurden nur alle paar Stunden mal kurz geöffnet. Eine einzige offene Brücke bleib uns, um zurück auf die andere Gangesseite zu gelangen. Entsprechend kuschelig ging es auf ihr zu. Blieb jemand stehen, oder bewegte sich nicht zügig genug im Fluss der Leiber, wurde er mit einem kleinen Klaps mit dem Polizei-Monkeystick zu mehr Eile und Konformität angespornt. Nach einigen weiteren Schleichwegen und einem halbwegs steilen Aufstieg gelangten wir dann schließlich zum Tempel auf dem Berg.

Hässlich war er. Soviel kann ich sagen, denn hinein sind wir nicht gegangen. Wir haben nur kurz den Ausblick genossen, Raphi hat sich kein Fläschchen Wasser für 50 Rupies gekauft und wir sind einfach wieder hinabgestiegen. Vorbei an einem toten Hund, der direkt neben dem Weg lag. Außer uns bemerkte ihn niemand.

Varanasi ist wirklich atemberaubend.

Tänzerin an einem der unzähligen Ghats

Schaut man sich die Fotos an, die man bei Flickr, google und anderen Fotosuchmaschinen dazu findet kann man nicht ansatzweise die Atmosphäre hier vor Ort erfassen. Wenn das Licht schwindet und die Feuer der Leichenverbrennungen die Nacht erhellen, aus den blechern klingenden Megafonlautsprechern hinduistische Musik über den Ganges hallt, dann spürt man, wie sehr die Inder von ihrer Mystik  durchzogen sind. Wie tief der Glaube an die alten Götter sitzt. Unser Bootskapitän auf dem Yamunariver hielt stehts einen Platz auf seinem kleinen Ruderboot für Durga, seine Göttin frei.

Doch auch tagsüber wird man von Varanasi verzaubert. Zuallererst muß man allerdings eine gehörige Portion Optimismus und Ignoranz mitbringen. Sonst geht man hier unter! Noch nirgendwo auf der Welt wurde ich so penetrant und aufdringlich von Bettlern / Händlern / heiligen Männern und allerlei Gesindel belagert. Hinzu kommt, dass es kaum einen Quadratmeter gibt, der nicht von irgend  welchen Exkrementen bedeckt ist. Nicht alle stammen von Tieren. Vielmehr wurden die meisten tierischen schon wieder aufgesammelt und verarbeitet (siehe unten). Der Inder als solches scheint ein Auge dafür zu haben, was als Brennstoff taugt und was nicht :)

Zwischen all dem Müll und Dreck gibt es aber auch immer wieder kleine, schöne Momente. Sie sind rar, aber wenn man sich an ihnen entlang hangelt kommt man aus dem Staunen kaum mehr raus.  Ich zitiere hierzu Alexander von Humboldts und seinen tapferen wie aufrechten Reisegefährten Aimé Bonpland:

“Wie die Narren laufen wir bis jetzt umher; in den ersten drei Tagen können wir nichts bestimmen, da man immer wieder einen Gegenstand wegwirft, um einen anderen zu ergreifen. Bonpland versichert, dass er von Sinnen kommen werde, wenn die Wunder nicht bald aufhören … Ich fühle es, dass ich hier glücklich sein werde und dass diese Eindrücke mich auch künftig noch oft erheitern werden.”

Ein wirklich heiliger Mann


So in etwa könnte man es ausdrücken. Sei es der freundlicher Blick einer Fremden, das gemeinsame Lachen mit einem Wäscheklopfer oder witzige Mißverständnisse beim Einkaufen. Hier werden wir uns noch ein paar Tage wohlfühlen.

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