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Einer unserer Aufpasser

Das Taj Mahal wurde von Shah Jahan als Grabmal für die Liebe seines Lebens, seine Frau Mumtaz Mahal erbaut. Inzwischen ist es eins der meistbesuchten Bauwerke der ganzen Welt und unbestritten die meistbesichtigte Sehenswürdigkeit Indiens.

Indien war ja bekannter maßen eine britische Kolonie. Einige Teile waren auch mal französisch oder portugiesisch, aber das eigentliche koloniale Erbe hat England hinterlassen. Indien hat sich hier sehr freizügig aus dem Erbschatz bedient. Unter anderem entschied man sich für Bürokratie und Kricket. Viele andere, durchaus positive Eigenschaften, blieben jedoch völlig unbeachtet. Der leidenschaftlichen Liebe zur Bürokratie ist wohl auch geschuldet, was wir am Abend des 30.01. erlebt haben.

Das Taj Mahal öffnet morgens gegen 6:00 seine Pforten und schließt ungefähr nach 12 Stunden wieder. In der Zwischenzeit waren tausende Touristen aus tausenden Ländern hier und haben den Eintrittspreis von knapp 10€ bezahlt. Was Viele jedoch nicht wissen ist, dass man das es auch nachts besuchen kann. Allerdings beginnen die Dinge hier langsam kompliziert zu werden.

Zuallererst muss man wissen, dass die Besichtigungstermine nur bei Vollmond stattfinden. Somit ist die Zahl der möglichen Termine stark reduziert. Karten muss man mindestens 24 Stunden im Voraus kaufen. In unserem Fall konnte das Gott sei Dank unser Freund Manohar für uns erledigen. Dann darf man nachts nur die oberste Plattform, geschätzte 200m vom eigentlichen Bauwerk entfernt, betreten. Scheinbar hat Indien so panische Angst vor Terroristen, dass man sie nicht mal in die Nähe des Taj kommen lassen will. Terroristen arbeiten hier übrigens ausschließlich nachts, so dass man tagsüber die Sicherheitsbestimmungen deutlich lockern kann. Man darf auch nichts mitnehmen, was wie eine Bombe aussieht. In den Augen der Sicherheitsleute ist das dann alles, außer einer Kamera. Alle Stative, Rucksäcke, Handtaschen, Wasserflaschen, Campingstühle und

Heuballenbindemaschinen müssen im Büro des „Archaeological Survey of India – Agra Circle“ zurückbleiben. Alle Stative? Um es kurz zu machen: Ja.

Zwar hatte ich schon im Dezember einen Brief an die obersten Archäologen in Agra geschrieben und nach langem Hin und Her, mit Ausweiskopien, Passbildern, und Versprechen eine Sondergenehmigung zur Benutzung von Stativen auf dem Gebiet des Taj Mahal erhalten, doch hier erwachte der Bürokratiesinn der Inder zum Leben. Wir wurden vom ersten zum nächsten Archäologen geschickt. Alle sagten nach langem Betteln und Diskutieren ja, bis wir schließlich zum allerobersten Chef geschickt wurden und der gab sein wohlwollendes nein. Denn schließlich sei in dem Brief zwar die Erlaubnis zur Benutzung eines Stativs erteilt worden, aber es stehe ja offensichtlich nirgends, dass diese Erlaubnis auch nachts gelte.

Auf der Suche dem Weg

Sie sei also nur tagsüber gültig. Was ich allerdings mit meinem Stativ in der prallen Mittagssonne machen soll, konnte mir auch keiner sagen. Untermalt wurden unsere langen Diskussionen immer wieder mit dem typischen Nicken der Inder. Wer es nicht kennt, wird es sich nicht wirklich vorstellen können. Aber auch wer es kennt, kann damit nicht wirklich etwas anfangen. Die Bewegung selbst sieht aus, als würde das gegenüber mit seinem Kinn eine auf der Seite liegende 8 zeichnen. Ein Nicken in alle Richtungen eben…

Zurück zum Thema. Wir waren also schon angepisst, bevor es überhaupt los ging. Wie Idioten standen wir da mit unseren Stativen.

Schließlich ging es aber los. Für eine halbe Stunde würde man uns zum Taj vorlassen und irgendwas würden wir sicherlich hinbekommen, auch ohne Stativ. Zuerst galt es aber zum Taj zu kommen. Im ersten Raum saßen zwei Archäologen über einem riesigen Buch. Hier mussten wir uns eintragen mit Passnummer und allem drum und dran. Dann in den nächsten Raum, Hier wurde unsere Kamera gecheckt und anschließend als „ungefährlich“ markiert. Nun ging es uns an den Laib und wir wurden einer Durchsuchung nach Flughafenmanier unterzogen. Schließlich begleiteten uns gefühlte 200 bis an die Zähne bewaffnete Soldaten zu vier, im Dunkeln wartenden Elektrobussen. Diese fuhren uns dann die nächsten 300m zum Eastern Gate des Taj.  – Nicht ganz. Denn erst mussten wir in einen kleinen dreckigen Raum, der aussah als hätte man ihn provisorisch in einem Wohnhaus eingerichtet. Hier wurden wir erneut durchsucht, unsere Kameras erneut abgetastet und erneut mussten wir durch einen Metalldetektor laufen. Dabei herrschte eine Stimmung wie in einem Kriegsgebiet. Wir kamen uns vor wie Auslandskorrespondenten auf der Jagd nach einer Story in Darfur, Bagdad oder einem anderen Hexenkessel unserer Zeit.

Den Rest der Strecke liefen wir zu Fuß. Flo verließ für einen kurzen Moment den Kreis der Touristen und wurde sofort von zwei Soldaten zurückgetrieben.

An der letzten Mauer, die uns noch vom Blick aufs Taj Mahal trennte, hieß es aber erst noch mal durch einen Metalldetektor zu laufen. Nur falls wir auf dem Weg vielleicht eine schmutzige Bombe aufgenommen haben sollten.

Irgendwann war auch das geschafft und wir warfen unseren ersten Blick auf das schönste Bauwerk der Welt. So sicher waren wir da allerdings zuerst nicht, denn das Gebäude war nicht angestrahlt und wir nahmen lediglich eine Silhouette vor dem Sternenhimmel war. Hierfür gab es allerdings einen echten Grund, den auch ich gelten lasse. Genial wie der Bauherr des Mausoleums war, konstruierte er es so, dass in Vollmondnächten das Licht des Mondes gebündelt und im Zentrum des Taj Mahals zu einem diffusen Leuchten konzentriert wird.

Taj at Night

Tolle Fotos konnten wir nicht mache, aber wir nahmen es mit Humor. Einziger weiterer Wehmutstropfen: Die halbe Stunde zählte schon bei der Abfahrt und so mussten wir das Areal bereits nach gefühlten fünf Minuten wieder verlassen und wurden (ohne weitere Kontrollen) wieder zu unseren ungeduldig wartenden Stativen gefahren.

Varanasi ist wirklich atemberaubend.

Tänzerin an einem der unzähligen Ghats

Schaut man sich die Fotos an, die man bei Flickr, google und anderen Fotosuchmaschinen dazu findet kann man nicht ansatzweise die Atmosphäre hier vor Ort erfassen. Wenn das Licht schwindet und die Feuer der Leichenverbrennungen die Nacht erhellen, aus den blechern klingenden Megafonlautsprechern hinduistische Musik über den Ganges hallt, dann spürt man, wie sehr die Inder von ihrer Mystik  durchzogen sind. Wie tief der Glaube an die alten Götter sitzt. Unser Bootskapitän auf dem Yamunariver hielt stehts einen Platz auf seinem kleinen Ruderboot für Durga, seine Göttin frei.

Doch auch tagsüber wird man von Varanasi verzaubert. Zuallererst muß man allerdings eine gehörige Portion Optimismus und Ignoranz mitbringen. Sonst geht man hier unter! Noch nirgendwo auf der Welt wurde ich so penetrant und aufdringlich von Bettlern / Händlern / heiligen Männern und allerlei Gesindel belagert. Hinzu kommt, dass es kaum einen Quadratmeter gibt, der nicht von irgend  welchen Exkrementen bedeckt ist. Nicht alle stammen von Tieren. Vielmehr wurden die meisten tierischen schon wieder aufgesammelt und verarbeitet (siehe unten). Der Inder als solches scheint ein Auge dafür zu haben, was als Brennstoff taugt und was nicht :)

Zwischen all dem Müll und Dreck gibt es aber auch immer wieder kleine, schöne Momente. Sie sind rar, aber wenn man sich an ihnen entlang hangelt kommt man aus dem Staunen kaum mehr raus.  Ich zitiere hierzu Alexander von Humboldts und seinen tapferen wie aufrechten Reisegefährten Aimé Bonpland:

“Wie die Narren laufen wir bis jetzt umher; in den ersten drei Tagen können wir nichts bestimmen, da man immer wieder einen Gegenstand wegwirft, um einen anderen zu ergreifen. Bonpland versichert, dass er von Sinnen kommen werde, wenn die Wunder nicht bald aufhören … Ich fühle es, dass ich hier glücklich sein werde und dass diese Eindrücke mich auch künftig noch oft erheitern werden.”

Ein wirklich heiliger Mann


So in etwa könnte man es ausdrücken. Sei es der freundlicher Blick einer Fremden, das gemeinsame Lachen mit einem Wäscheklopfer oder witzige Mißverständnisse beim Einkaufen. Hier werden wir uns noch ein paar Tage wohlfühlen.

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