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Es läuft folgendermaßen: Man läuft die Mall hinab zur Clubside, direkt im Herzen Darjeelings. Man könnte auch noch weiter hinabsteigen zum Chowk Bazar, das würde allerdings wenig ändern und man müsste viele Treppen und enge Gassen in Kauf nehmen.
Wir standen also um 04:30 morgens an der Clubside und suchten uns einen Jeep aus.
Natürlich ist das blanke Ironie! In Indien sucht selten der Fahrgast den Fahrer aus. Vielmehr wird man wie Vieh zwischen den einzelnen Fahrern hin und her getauscht bis man seinen Platz gefunden hat.
In unserem Fall bedeuteten das ein weinroter Mahindra-Geländewagen in gutem Zustand und ein Fahrer, der zumindest einfache englische Sätze sprechen konnte. Mehr konnte man wirklich kaum erhoffen.
Wie viele Passagiere würden in Deutschland wohl in diesem Jeep Platz nehmen? Fünf? Sechs?
Sieben? – Wohl nicht.
In Darjeeling nahmen incl. Fahrer 10 Personen im Fahrzeug Platz. Das war auch nur aus einem einzigen Grund möglich: Wir waren allesamt Westler – und reich!
Normalerweise wird ein solcher Jeep mit vielleicht 14-15 Personen besetzt. Aufeinander, nebeneinander und irgendwie anders.
Soweit zum Innenraum. Auf das Dach passen noch mal vier oder fünf. Wenn kleine Kinder dabei sind vielleicht auch acht. Einer kann auf dem Reserverad stehen und wäre es ein Notfall, es fände sich bestimmt noch ein Plätzchen.
Ich beschreibe hier keinen Rekordversuch, sondern den Alltag im Himalaja Nahverkehr! Wir konnten das Schauspiel mehr als einmal beobachten.
Zurück zum Thema! Wir wurden also eingepackt. Ich saß vorn neben dem Fahrer und einem anderen Touristen. Flo war irgendwo hinten eingepfercht. So ging die Fahrt also los, zum legendären Tigerhill, einer Anhöhe nahe Darjeeling, von der aus man einen atemberaubenden Blick auf den Kanchenjunga (8586m) hat. Der Sonnenaufgang potenziert das Erlebnis noch einmal.
Kurz vor erreichen gilt es eine Eintrittskarte zu kaufen. Es gibt Standard für 20 Rupies, Deluxe für 30 Rupies und Superdeluxe Lounge für 40 Rupies. Wir als preisbewusste und sparsame Traveller lösten also unsere Tickets und stiegen, 80 Rupies ärmer, wieder in den Wagen.
Inzwischen war uns aufgefallen, dass wohl noch einige andere Touristen auf die Idee mit dem Sonneaufgang gekommen waren.
Schließlich sah der Platz um den Aussichtspunkt aus wie die Offroadhalle auf der IAA.
Wir bestiegen also den Turm und betraten unsere Super-deluxe-Lounge. Insgesamt sah sie aber eher aus wie ein Lagerraum mit Sperrmüll. Noch dazu war der Anblick durch schmuddelige Fenster versperrt.
Also wieder runter und raus ins Freie. Die lange Unterhose und die Jacke taten ihre Arbeit. Die Handschuhe, die Mütze und der Schal waren allerdings noch in Wildungen und so stand mir ein kaltes Stündchen bevor.
Flo war besser vorbereitet, fror aber trotzdem.
Schließlich ging die Sonne auf, der Anblick war toll. Ich habe den Berg fotografiert, dann die Sonne und schließlich noch mal den Berg. Meines Atems fühlte ich mich allerdings zu keinem Zeitpunkt beraubt.
Klar war es schon ein schöner Anblick. Der majestätische Kanchenjunga, die ersten Sonnenstrahlen und ganz links, ganz klein, viel zu klein für die Ehrfurcht, die sein Name einflösst, lugte auch der Mount Everest über die kleineren Gipfel. Er war halt arg weit entfernt, aber gesehen haben wir ihn!
Um 06:30 hieß es dann wieder zurück zu den Autos und Abfahrt. In Ghoom wurde nochmal kurz an einem Kloster halt gemacht. Wir waren allerdings sakral gesättigt und tranken lieber an der Straße einen Chai. Auf einer schmuddeligen Wolldecke bot eine alte, krumme Oma drei-vier Mützen und zwei Schals zum Verkauf an. Flo der Gutmensch lud sie auch gleich noch auf eine Tasse heißen Chai ein.
Ich fand die Aktion erst albern, aber für den dankbaren Blick, den sie ihm, den heißen Tee schlürfend, zuwarf, beneide ich ihn immer noch.
00:40 ist wirklich keine schöne Zeit um einen Zug zu besteigen. Vor allem nicht, wenn es ein bequemer Schlafwagen ist, denn man aber schon um fünf wieder verlassen muss!
Es hieß also einsteigen, hinlegen und soviel Schlaf wie möglich bekommen. Teil eins ging glatt, doch als wir vor unseren Kojen standen, saß eine indische Familie auf meinem Bett und eine Etage höher, auf Flos Pritsche, befand sich ihr Gepäck.
Irgendwas war bei ihrer Onlinebuchung schief gelaufen und hatten sie sich heimatlos auf die letzten zwei freien Betten zurückgezogen, die im Zug zu finden waren. Wie groß muss ihre Enttäuschung gewesen sein, als wir vor ihnen auftauchten.
Sofort waren sie bereit, uns unsere Plätze zu überlassen, aber sie taten uns auch Leid. Ein recht dicker, freundlich schauender Inder mit seiner müden Frau, den schlafenden kleinen Sohn auf dem Arm.
Wir konnten sie nicht einfach wegschicken. So blieben die Frau mit dem Kind und das Gepäck. Der Mann begab sich mit dem Schaffner auf die Suche nach einer Alternative. Gute 30 Minuten später war ein Platz gefunden und wir konnten uns endlich hinlegen. Es kann keine fünf Minuten gedauert haben und ich schlief tief und fest.
Erst „What is Love – da da di da da“ aus dem iPhonelautsprecher beendeten die Traumreise. Es war 04:45 und wir sollten gleich Nizzamudin erreichen, einen kleineren Bahnhof am Rande von Neu-Delhi. Doch unser Zug hatte Verspätung. Nicht genug um sich noch mal hinzulegen, so verbrachten wir den Rest der Fahrt im Sitzen und im Halbschlaf.
Das ätzende am Zugfahren in Indien ist, dass es keine Durchsagen über den nächsten Halt gibt. Es gibt aber auch keine lesbaren Schilder in den Bahnhöfen in die man einfährt. Zumindest nicht immer. So ist es mehr oder weniger ein Glücksspiel. Meist kommt man aber im Laufe der Fahrt mit anderen, indischen Passagieren ins Gespräch.
Die wollen immer wissen wo man hinfährt und irgendein urindischer Instinkt ermöglicht es ihnen, uns zu sagen wann das Ziel erreicht ist.
Also raus aus dem Zug, rein ins Getümmel. „Täxi Täxi“ aus hunderten Kehlen. Alle wollten uns. Indische Fahrgäste wurden bis auf weiteres ignoriert. Die Europäer zahlen besser. Meist unfreiwillig.
Wir bahnten uns einen Weg durch die Menge und taten so, als wüssten wir genau, wo wir hinwollten und als wäre unser Ziel mit einem kurzen Fußmarsch zu erreichen. Eigentlich unmöglich in einer Zehnmillionenstadt. Trotzdem ging unser Plan und wir waren schon nach wenigen Metern wieder allein. Das dumme an der Geschichte war nur, dass wir ja ein Taxi wollten, aber wir wollten es sein, der bestimmt welches.
Da lief ein etwas verloren aussehender Sikh auf der anderen Straßenseite. Wir blickten ihn freundlich und fragend an. Er blickte freundlich fragend zurück. Schließlich formten seine Lippen das Wort „Täxi“? Und schon waren wir uns einig. Flo saß vorn, ich lag hinten. Es war ein riesiger Mahindra Jeep. Ich habe keine Ahnung, was man damit in Delhi anstellt, aber ich muss auch nicht alles wissen.
Wir ließen uns ins Radisson fahren. Eins der besten Hotels der Stadt. Vorallem ein Hotel mit 24h Milchkaffee. Eine weitere tolle Empfehlung von Nitin, unserem Freund aus Shimla.
Gegen 6:00 machte allerdings auch das Frühstücksbuffet auf und wir waren doch beide so hungrig. Der Tag konnte ja noch so lang werden.
Das Geld saß locker und so spendierten wir uns ein Frühstück, das sich mit jedem anderen auf der Welt messen könnte. Der Spaß kostete für uns beide 1600 Rupies. Ungefähr 4-5 mal lecker Essengehen in Varanasi. Aber wir bereuen nichts!
Ich kann mich nicht erinnern, was wir alles gegessen haben, aber die Zusammenstellung war sicherlich manchmal sehenswert. Frische Früchte, frische Waffeln, ein Omelette mit Koriander, Fisch mit Spinat und Kirschtomaten, Rinderfiletspieße, gegrillter Panierkäse, Misosuppe, Wok-Gemüse und vieles mehr.
Außerdem können wir die Toiletten im Radisson empfehlen. Sehr sauber, sehr bequem.
Ein Hoteltaxi brachte uns pünktlich zum Einchecken an den Flughafen. Der Flug startete pünktlich, landete noch pünktlicher in Bagdogra, unsere Rucksäcke waren mit die ersten auf dem Gepäckband und wir fanden direkt vor dem Flughafen zwei Jungs, die uns für 1100 Rupies nach Darjeeling fahren wollten. Das klang schon alles ein bisschen zu schön um wahr zu sein. Vor allem weil Nitin uns gesagt hatte, er hätte das letzte mal mit ein bisschen Glück ein Taxi für 1500 Rupies bekommen. Irgendwas musste einfach faul sein. Sollten wir wieder vergiftet werden? Galt es eine Teefabrik oder einen Juwelier zu besichtigen? Wurden wir gar in eine Räuberhöhle verschleppt? Nein! Nach einer langen, holprigen Fahrt erreichten wir Darjeeling und unsere Fahrer freuten sich wie kleine Kinder über die 200 Rupies Trinkgeld.
Das ausgesuchte Hotel war schnell gefunden, die Preise waren günstiger als erwartet, das Zimmer toll und voller Persönlichkeit und Geschichte.
Ich habe noch nie einen Tag, der nur aus Transfers und warten besteht, so toll in Erinnerung behalten.







