Artikel-Schlagworte: „Bürokratie“
Es war mal wieder soweit. Die BAR-Reserven der Landeswährung waren verprasst und ich wollte ein paar Euros tauschen. Eigentlich nirgendwo auf der Welt ein Problem….
Nirgendwo? Neeeeeeiiiiiiin…. In Zentralasien scheint sich da eine Art Runninggag zu entwickeln…
Fleißige Leser erinnern sich bestimmt an Flos verlorene Stunde in Simla, oder mein Glück mit der ehrlichen Bankersfrau in Gangtok?!? Das war Indien, ich hätte nicht gedacht, dass man da irgendwo anders auf der Welt noch rankommt.
PAH!
Die Chinesen wollen an die Weltspitze, in allem! Irgendjemand hat ihnen nun wohl gesteckt, dass die Inder die bürokratischsten Menschen der Welt sind. Das kann und will sich der geliebte Führer, äh, ich mein die Partei (Die Partei – Die Partei) nicht gefallen lassen.
Resultat dieser Bemühungen: Ich habe heute 45 Minuten in einem bequemen Lehnsessel gelegen und auf mein Urteil gewartet. Erst erschien alles ganz leicht…. Ich sollte eine Nummer ziehen, doch das hat sofort die Nummer-zieh-Frau für mich erledigt und mich auch gleich zu meinem besagten Lehnsessel eskortiert. Dann musste ich die 100€ sowie meinen Reisepass rüber wachsen lassen und dann konnte das Spiel beginnen. Zuerst durchlief mein Ausweis die Hände jedes einzelnen Angestellten bis zum Direktor. Jedes mal verfinsterten sich die Mienen mehr. Schließlich kam man zu mir. Ich rechnete inzwischen mit der Ausweisung oder gar der Zwangskomunion! Doch dann die Frage: “Where are you from” Mein schüchternes “Germany” konnte alle Zweifel entlkräften. Es handelte sich nicht um einen gefälschten Taiwanesischen Büchereiausweis! Das Stück Pappe kam aus Deutschland. “Aber jetzt” “schnell schnell”
Weiter im Programm: Aus einer der untersten Schubladen aus einem der hintersten Schränke brachte man ein Gerät, chinesischer Machart, das Blüten innerhalb weniger Sekunden entlarvt. Nunja… genau das tat es. Meine 50€ Scheine waren also gefälscht… Oder? Nochmal durch… wieder Alarm. Nochmal durch… wieder Alarm. Wie das halt so ist bei chinesischer Technik, dachten wohl auch die Banker und wechselten nun zur zweit genausten Entlarvungsmethode: “gegen’s Licht halten” Diesmal schienen die Scheine zu halten, was meine Hausbank mir versprochen hatte. Man brauchte allerdings noch ein Formular…. Zuletzt hatte man es Mitte der 90er Jahre gebraucht, aber man würde es schon finden… Tat man auch. Erneut war ein Dutzend Banker mit der korrekten Ausfülltechnik beschäftigt. Ich hatte inzwischen meinen Reiseführer halb durchgearbeitet und schaute nur noch minder interessiert zu.
Irgendwann war es aber überstanden, ich erhielt mein Geld, musste zwei Unterschriften leisten, mein Reisepass war eh schon kopiert worden und zum krönenden Abschluß wurde ich eingeladen auf einer kleinen Tastatur den Service meines Kassierers zu bewerten. Ich drückte diplomatisch auf „very good“ und aus dem Lautsprecher erklang ein blechernes: „Xièxiè“ – Zu deutsch: Vielen Dank.
Ich erntete ein aufrechtes chinesisches Lächeln, und hey: Dafür sind die Jungs berühmt.
So war dann auch ich entschädigt
Das Taj Mahal wurde von Shah Jahan als Grabmal für die Liebe seines Lebens, seine Frau Mumtaz Mahal erbaut. Inzwischen ist es eins der meistbesuchten Bauwerke der ganzen Welt und unbestritten die meistbesichtigte Sehenswürdigkeit Indiens.
Indien war ja bekannter maßen eine britische Kolonie. Einige Teile waren auch mal französisch oder portugiesisch, aber das eigentliche koloniale Erbe hat England hinterlassen. Indien hat sich hier sehr freizügig aus dem Erbschatz bedient. Unter anderem entschied man sich für Bürokratie und Kricket. Viele andere, durchaus positive Eigenschaften, blieben jedoch völlig unbeachtet. Der leidenschaftlichen Liebe zur Bürokratie ist wohl auch geschuldet, was wir am Abend des 30.01. erlebt haben.
Das Taj Mahal öffnet morgens gegen 6:00 seine Pforten und schließt ungefähr nach 12 Stunden wieder. In der Zwischenzeit waren tausende Touristen aus tausenden Ländern hier und haben den Eintrittspreis von knapp 10€ bezahlt. Was Viele jedoch nicht wissen ist, dass man das es auch nachts besuchen kann. Allerdings beginnen die Dinge hier langsam kompliziert zu werden.
Zuallererst muss man wissen, dass die Besichtigungstermine nur bei Vollmond stattfinden. Somit ist die Zahl der möglichen Termine stark reduziert. Karten muss man mindestens 24 Stunden im Voraus kaufen. In unserem Fall konnte das Gott sei Dank unser Freund Manohar für uns erledigen. Dann darf man nachts nur die oberste Plattform, geschätzte 200m vom eigentlichen Bauwerk entfernt, betreten. Scheinbar hat Indien so panische Angst vor Terroristen, dass man sie nicht mal in die Nähe des Taj kommen lassen will. Terroristen arbeiten hier übrigens ausschließlich nachts, so dass man tagsüber die Sicherheitsbestimmungen deutlich lockern kann. Man darf auch nichts mitnehmen, was wie eine Bombe aussieht. In den Augen der Sicherheitsleute ist das dann alles, außer einer Kamera. Alle Stative, Rucksäcke, Handtaschen, Wasserflaschen, Campingstühle und
Heuballenbindemaschinen müssen im Büro des „Archaeological Survey of India – Agra Circle“ zurückbleiben. Alle Stative? Um es kurz zu machen: Ja.
Zwar hatte ich schon im Dezember einen Brief an die obersten Archäologen in Agra geschrieben und nach langem Hin und Her, mit Ausweiskopien, Passbildern, und Versprechen eine Sondergenehmigung zur Benutzung von Stativen auf dem Gebiet des Taj Mahal erhalten, doch hier erwachte der Bürokratiesinn der Inder zum Leben. Wir wurden vom ersten zum nächsten Archäologen geschickt. Alle sagten nach langem Betteln und Diskutieren ja, bis wir schließlich zum allerobersten Chef geschickt wurden und der gab sein wohlwollendes nein. Denn schließlich sei in dem Brief zwar die Erlaubnis zur Benutzung eines Stativs erteilt worden, aber es stehe ja offensichtlich nirgends, dass diese Erlaubnis auch nachts gelte.
Sie sei also nur tagsüber gültig. Was ich allerdings mit meinem Stativ in der prallen Mittagssonne machen soll, konnte mir auch keiner sagen. Untermalt wurden unsere langen Diskussionen immer wieder mit dem typischen Nicken der Inder. Wer es nicht kennt, wird es sich nicht wirklich vorstellen können. Aber auch wer es kennt, kann damit nicht wirklich etwas anfangen. Die Bewegung selbst sieht aus, als würde das gegenüber mit seinem Kinn eine auf der Seite liegende 8 zeichnen. Ein Nicken in alle Richtungen eben…
Zurück zum Thema. Wir waren also schon angepisst, bevor es überhaupt los ging. Wie Idioten standen wir da mit unseren Stativen.
Schließlich ging es aber los. Für eine halbe Stunde würde man uns zum Taj vorlassen und irgendwas würden wir sicherlich hinbekommen, auch ohne Stativ. Zuerst galt es aber zum Taj zu kommen. Im ersten Raum saßen zwei Archäologen über einem riesigen Buch. Hier mussten wir uns eintragen mit Passnummer und allem drum und dran. Dann in den nächsten Raum, Hier wurde unsere Kamera gecheckt und anschließend als „ungefährlich“ markiert. Nun ging es uns an den Laib und wir wurden einer Durchsuchung nach Flughafenmanier unterzogen. Schließlich begleiteten uns gefühlte 200 bis an die Zähne bewaffnete Soldaten zu vier, im Dunkeln wartenden Elektrobussen. Diese fuhren uns dann die nächsten 300m zum Eastern Gate des Taj. – Nicht ganz. Denn erst mussten wir in einen kleinen dreckigen Raum, der aussah als hätte man ihn provisorisch in einem Wohnhaus eingerichtet. Hier wurden wir erneut durchsucht, unsere Kameras erneut abgetastet und erneut mussten wir durch einen Metalldetektor laufen. Dabei herrschte eine Stimmung wie in einem Kriegsgebiet. Wir kamen uns vor wie Auslandskorrespondenten auf der Jagd nach einer Story in Darfur, Bagdad oder einem anderen Hexenkessel unserer Zeit.
Den Rest der Strecke liefen wir zu Fuß. Flo verließ für einen kurzen Moment den Kreis der Touristen und wurde sofort von zwei Soldaten zurückgetrieben.
An der letzten Mauer, die uns noch vom Blick aufs Taj Mahal trennte, hieß es aber erst noch mal durch einen Metalldetektor zu laufen. Nur falls wir auf dem Weg vielleicht eine schmutzige Bombe aufgenommen haben sollten.
Irgendwann war auch das geschafft und wir warfen unseren ersten Blick auf das schönste Bauwerk der Welt. So sicher waren wir da allerdings zuerst nicht, denn das Gebäude war nicht angestrahlt und wir nahmen lediglich eine Silhouette vor dem Sternenhimmel war. Hierfür gab es allerdings einen echten Grund, den auch ich gelten lasse. Genial wie der Bauherr des Mausoleums war, konstruierte er es so, dass in Vollmondnächten das Licht des Mondes gebündelt und im Zentrum des Taj Mahals zu einem diffusen Leuchten konzentriert wird.
Tolle Fotos konnten wir nicht mache, aber wir nahmen es mit Humor. Einziger weiterer Wehmutstropfen: Die halbe Stunde zählte schon bei der Abfahrt und so mussten wir das Areal bereits nach gefühlten fünf Minuten wieder verlassen und wurden (ohne weitere Kontrollen) wieder zu unseren ungeduldig wartenden Stativen gefahren.
Unsere Visums, sie sind da!!! Die lieben Inder in Frankfurt haben nochmal ein paar Stöcke aufs bürokratische Feuerchen geworfen und den Ofen angeheizt.
Und tatsächlich, ich halte in in Händen, meinen Reisepass mit Visum und “special Permit” um Sikkim zu betreten. Warum man eine Erlaubnis braucht und besonders, warum sie “special” sein muß, erschließt sich mir zwar noch nicht in voller Gänze, aber ich bin glücklich. Eigentlich haben die Inder ja auch recht, eh’s ein zweites Tibet wird, dann doch lieber von Indien annektiert und mit Spezialgenehmigungen zu bereisen. Frei nach dem Motto: “Erst annektiert, dann reguliert”
Aber genug gelästert. Es ist wirklich toll, dass alles so reibungslos geklappt hat. Schließlich sind ja auch schon mehrere Flüge, Zugfahrten, Unterkünfte etc. gebucht und sogar eine Sondergenehmigung des Archaeologic Survey of India zum Fotografieren auf dem Gelände des Taj Mahal mit Blitz und Stativ ausgestellt. Da hätte ein fehlendes Visum ein wenig auf den Magen geschlagen….
Aber wie hat schon, ich glaube Mahatma Ghandi wars, gesagt: “Man muß nur geduldig sein, dann klappt das schon mit den Visata”




